Was sind die World Nomad Games ?
Die World Nomad Games sind eine Art Olympische Spiele, bei der Wettkämpfe in traditionellen, nomadischen Sportarten ausgetragen werden. Lies jetzt mein Interview mit Stephanie Behrendt, sie hat an den WNG im Jahr 2018 in Kirgistan als Teil des deutschen Teams teilgenommen und zwei Medaillen gewonnen, darunter die Goldmedaille im koreanischen Bogenschießen.
Ich bin auf die World Nomad Games aufmerksam geworden, als ich einen Artikel über Kok-Boru/Buzkashi geschrieben habe. Du kannst ihn hier lesen ->
Polo mit geköpften Ziegen ist in Kirgisistan ein beliebter Nationalsport
Ich habe mich dann als Sportfan gefragt, entgeht uns da alle zwei Jahre in den World Nomad Games ein mega Sport Spektakel und beste Unterhaltung à la Olympische Spiele? Das und mehr habe ich Stephanie Behrendt gefragt.
Sie erzählt von Ihren Erfahrungen bei den WNG in Kirgisistan, wie sich das deutsche Team organisiert hat, welche Sportarten es gibt, wie viel Preisgeld sie gewonnen hat, was sie damit gemacht hat und vieles mehr.
Die World Nomad Games 2022 finden vom 29.09.2022 bis 02.10.2022 in der Türkei statt.
BI: Zuerst mal erneut ein großes Dankeschön an dich Stephanie, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Meine erste Frage wäre:
Wie würdest du jemandem die World Nomad Games (WNG) beschreiben, der noch nie etwas davon gehört hat?
Stephanie Behrendt (SB):
Es ist vom Umfang tatsächlich vergleichbar mit den Olympischen Spielen. Also es gibt ähnlich viele Teilnehmer aus ähnlich vielen Nationen, mit ähnlich vielen Disziplinen. Nur geht es eben komplett um traditionelle Sportarten, wie sie in nomadischen Völkern auf der ganzen Welt verbreitet sind (hier ist man aber ggf. etwas großzügig bei der Interpretation). Ein Schwerpunkt liegt natürlich auf Disziplinen aus dem asiatischen Raum, wo die nomadische Lebensweise heute noch gelebt wird und Traditionen daher lebendig sind. Außerdem hat Kirgisistan die Spiele im Jahr 2014 „erfunden“, sodass sich eine gewisse Ausrichtung an kirgisische Regeln erkennen lässt. 2016 und 2018 fanden die Spiele ebenfalls in Kirgisistan statt und wuchsen so weit, dass sie nun zwischen Nationen „wandern“. 2020 fielen sie wegen Corona aus, 2022 finden sie in der Türkei statt.
Für 2024 gibt es Gerüchte, dass sie evtl. wieder in Kirgisistan stattfinden, ggf. stehen aber auch Kasachstan oder die USA zur Diskussion.
In Deutschland bekommt man von den Spielen ja nicht allzu viel mit. Aber in dem asiatischen Raum ist das ganz anders. Und da wohnen mit die meisten Menschen auf unserer Erde. Gerade die Eröffnungsfeier sehen viele Millionen live im Fernsehen. Lustiger Fakt am Rande: die deutsche Gruppe Dschinghis Khan (die bei uns ihre besten Zeiten hinter sich hat), hatte ihren größten Auftritt ever bei den WNG 2018 (gemessen an den Live-Zuschauerzahlen).
BI: Wie ist es dazu gekommen, dass du 2018 an den World Nomad Games in Kirgisistan teilgenommen hast?
SB: Bekannte von mir hatten bereits 2016 teilgenommen.
BI: In welchen Sportarten hast du teilgenommen? Und würdest du sagen, dass du eine professionelle Sportlerin bist?
SB: Bogenschießen. Ich schieße einen traditionellen asiatischen Bogen (einen osmanischen, um genau zu sein) mit traditioneller Daumentechnik. In Deutschland ist das eine ziemliche Randsportart (auch wenn es kontinuierlich mehr werden), aber in anderen Ländern ist dies wesentlich verbreiteter und hoch angesehen.
Bei den WNG gab es fünf Disziplinen, ich bin in 4 angetreten:
Berittenes Bogenschießen: Hier habe ich nicht teilgenommen: Ich reite zwar auch und schieße auch vom Pferd. Das ist allerdings noch mal eine ganz eigene Disziplin, da man das schnelle und blinde Einnocken der Pfeile sehr gut beherrschen und üben muss. Daher bin ich darin nicht konkurrenzfähig.
Koreanisches Schießen: Nach traditionellen koreanischen Regeln: man schießt auf eine Scheibe, die 145 m entfernt ist (dafür aber recht groß). Hier habe ich die Goldmedaille gewonnen.
Kirgisisches Schießen: Man schießt auf eine normal große Scheibe (ich glaube, es waren schätzungsweise 40 m). Man muss einige Pfeile im normalen, seitwärtigen Stand schießen, einige rückwärts und einige kniend. Hier habe ich das Finale erreicht und wurde glaube ich 7.
Türkisches Schießen: auf eine spezielle Scheibe, die Puta. Diese Scheibe hat einfach eine spezielle, traditionelle Form. Es ist egal, wo man die Scheibe trifft, Hauptsache man trifft. Sie steht etwas weiter weg. Traditionell bis 90 m, ich glaube bei den WNG waren es für die Frauen nur 60.
Ungarisches Schießen/ Distanzschießen: Man schießt so weit man kann, der weiteste Pfeil gewinnt. Heute ein besonderes Hobby der Ungarn, aber auch in der Türkei sehr beliebt (aber nach denen war ja schon eine andere Disziplin benannt). Interessant ist die gute Abstimmung von Bogen und insbesondere Pfeil. Hier habe ich Bronze gewonnen.
BI: Wie hast du dich für die Nomad Games qualifiziert? Wer hat dich ausgewählt? Also gibt es eine Art Sportbund, ähnlich wie bei den Olympischen Spielen, mit dem man dann zu den WNG fährt?
SB: Da es in Deutschland eine Randsportart ist, gibt es noch keine offiziellen Strukturen. Es wird eine deutsche Mannschaft eingeladen und da wir uns hier untereinander kennen, organisieren wir uns selbst. Mittlerweile gibt es auch den Verein Thumb Archery Germany, in dem wir organisiert sind. Es wird also eine deutsche Mannschaft eingeladen und die Mannschaft findet sich dann. In Deutschland gibt es verschiedenen Bogenverbände, die Meisterschaften organisieren. Für unsere Bögen ist das insbesondere der TBVD, der Meisterschaften ausrichtet. Hier bin ich auch mehrfach deutsche Meisterin.
BI: Wer hat die deutsche Teilnahme organisiert? Oder kann jeder mitmachen und auf eigene Faust hinfahren?
SB: s. o. Etwas Absprache ist schon nötig, es muss klar sein, wer in einer Sportart die Anmeldung übernimmt.
BI: Wie groß war das deutsche Team bei den WNG im Jahr 2018? Und in welchen Sportarten seid ihr angetreten?
SB: Außer 7 Bogenschützen waren noch 2 Wrestler da und einer, der an einem der „Mindgames“ teilgenommen hat. Interessanterweise haben diese oft auch ihren Ursprung in den nomadischen Kulturen. Das wo er teilgenommen hat, war das, wo man Steine in Mulden legt und weiterrückt und so versucht dem Gegner seine abzunehmen. Kennt man bei uns auch, aber der Name fällt mir gerade nicht ein. Außerdem war eine russische Folkloregruppe mit Jugendlichen aus Deutschland da, die für das Rahmenprogramm eingeladen war.
BI: In welchen Sportarten hast du die beiden Medaillen gewonnen, welche Plätze hast du belegt und gab es ein Preisgeld?
SB: s. o. (Goldmedaille in koreanischem Bogenschießen und die Bronzemedaille in ungarischem Schießen) Ja, es gab Preisgeld. Ich glaube, es waren 60000 und 15000 Som. In Kirgistan ist das eine Riesensumme. Da der Som außerhalb Kirgistans nicht viel wert ist, habe ich versucht am Flughafen in Bischkek EUR oder Dollar dafür zu bekommen. Das war ’nen Akt. Mehr wie 50 auf einmal abheben ist nicht. Ich hatte also viel zu tun und hab einige Geldautomaten geleert ;-). Es waren etwa 700 EUR, hat also immerhin für den Flug und ein Essen beim Zwischenstopp in Istanbul für die Mannschaft gereicht.
BI: Wie hat dir Kirgistan gefallen?
SB: Es war toll. Leider hatten wir nicht viel Gelegenheit, uns das Land abseits der Spiele anzusehen. Ich war als Lehrerin für die Woche freigestellt, aber natürlich konnte ich den Aufenthalt nicht verlängern, da die Spiele außerhalb der Ferien stattfanden.
BI: Gibt es eine Sportart, die dir bei den WNG besonders gefallen hat?
SB: Ach, es gab so viel Interessantes zu sehen. Koc Buru ist natürlich beeindruckend. Das ist schon ein Riesenspektakel und es ist eben DER Sport in Kirgistan. Aber auch die anderen Sportarten waren sehr interessant anzusehen. Auch die Adlerwettbewerbe waren toll.
BI: Kann man das deutsche Team als Fan irgendwie unterstützen?
SB: Nicht wirklich. Darüber reden hilft, es wäre schön, wenn auch traditionelle Sportarten mehr Aufmerksamkeit bekommen.
BI: Übst du deine Sportarten heute auch noch aus?
SB: Ja, ich würde auch 2024 gerne wieder auf die WNG fahren. Dieses Jahr lasse ich aus.
BI: Würdest du dich über mehr Fan-Support für die Nomad Games freuen? Also sollten die Medien vielleicht mehr darüber berichten?
SB: Ja, mehr Berichte in den Medien wären schön, dann wäre es auch leichter Unterstützung zu bekommen.
BI: Gibt es eine Förderung vom Bund für deine Sportarten?
SB: Leider nein. Es gibt natürlich die üblichen Förderungen für Vereine und Verbände, aber nichts darüber hinaus. Das ist in anderen Ländern anders. Beispielsweise hat sich die amerikanische Botschaft in Kirgistan sehr um die Athleten aus den USA bemüht und Sie haben wohl auch Mannschaftsanzüge z. B. gestellt bekommen. In anderen Ländern, z. B. Ungarn oder der Türkei ist die Förderung noch wesentlich höher, dort ist aber auch das Bogenschießen sehr angesehen und gewissermaßen Nationalsport.
BI: Welches Potenzial haben die World Nomad Games deiner Meinung nach, also könnten sie zum Beispiel vielleicht irgendwann an die Olympischen Spiele herankommen?
SB: Sie sind von der Größe bereits (fast) vergleichbar. Und von der medialen Aufmerksamkeit in einigen Ländern auch. In Deutschland werden wohl die Olympischen Spiele noch lange Vorrang haben.
BI: Was würdest du sagen, erwartet einen als Fan bei den World Nomad Games außer Sport? Also kulturell gesehen.
SB: Ein sehr buntes und vielfältiges Programm. Es gab insgesamt mehrere Wettkampfstätten und überall auch immer kulturelles Programm. Daneben auch große Märkte usw. Die größten Veranstaltungen sind sicher die Eröffnungsfeiern (auch da gibt es mehrere)
BI: Warum fährst du dieses Jahr nicht zu den Games in die Türkei? Und ist dieses Jahr auch wieder ein deutsches Team am Start?
SB: Die Spiele haben auch eine sehr große politische Wirkung und es gibt die Gefahr, dass die jeweiligen Regierungen die Spiele insbesondere politisch ausnutzen. Die Türkei ist ein tolles Land und ich habe viele Freunde dort. Die aktuelle Politik in der Türkei ist mir aber leider nicht sympathisch, daher habe ich dieses Jahr verzichtet. Ich habe gehört, es ist ein Team von berittenen Bogenschützen angereist.