Francis Ngannou - seine Geschichte
Mit 26 Jahren kommt Francis Ngannou mit einem Schlepperboot als Flüchtling von Marokko nach Spanien und hat nur ein Ziel im Kopf. Er will professioneller Boxer werden. Neun Jahre später ist er Heavyweight Champion der UFC und einer der bekanntesten Kampfsportler der Welt. Seine Geschichte ist so beeindruckend wie seine rohe Kraft gefürchtet.
„Francis Ngannou hält den Weltrekord für den härtesten Schlag. Sein Schlag ist so stark wie 96 PS, was so ist, wie wenn man von einem Ford Escort getroffen wird, der so schnell fährt, wie er nur kann. Heilige Scheiße!“ - Diesen berühmten Satz sagt sein Promoter und Präsident der UFC Dana White über ihn. Er fällt auf der Pressekonferenz vor seinem ersten Titelkampf am 20. Januar 2018. Der Satz ist faktisch natürlich falsch, aber beschreibt das über allem schwebende Narrativ: Dies ist die Krönungsveranstaltung des unbesiegbaren Giganten aus Afrika.
Francis Ngannou ́s Aufstieg bis zu diesem Zeitpunkt 2018 verläuft kometenhaft. Die Medien stürzen sich auf ihn und seine Geschichte und auch die Buchmacher in Las Vegas listen ihn als Favoriten vor seinem ersten Titelkampf, den er nach nur 6 Kämpfen in der UFC erreicht. Francis pure physische Präsenz überschattet alles. Die UFC pusht ihn mit aller Gewalt an die Spitze, denn sie wissen, sie haben einen Superstar an der Hand, es fehlt nur noch eins, die sportliche Krönung.
Doch an diesem 20. Januar 2018 sitzt noch ein anderer Mann auf der Bühne der Pressekonferenz, auf der anderen Seite von Dana White. Sein Name, Stipe Miocic, er ist nicht nur der amtierende Heavyweight Champion zu dieser Zeit, er ist auch der erfolgreichste Heavyweight Kämpfer, den die UFC je gesehen hat. Seine Geschichte ist nicht weniger interessant, doch er erzählt nicht gerne. Und genau das ist es, was der UFC ein Dorn im Auge ist. Stipe redet nicht, er promotet sich nicht, er macht sich nicht größer, eher kleiner. Er kämpft einfach sehr gut. Und für ihn ist auch dieser Kampf gegen Francis: „Einfach nur ein weiterer Kampf“.
Und so kommt es, wie keiner es haben will. Francis verliert und geht unter gegen den erfahrenen und technisch viel besseren Champion Stipe Miocic.
Nach diesem Kampf verliert Ngannou einen weiteren Kampf. Sein Aufstieg kommt zum Stehen und der Titel rückt in weite Ferne. Er scheint verunsichert, heftige Kritik kommt auf, auch vonseiten der UFC. Er fliegt nach Hause, nach Batié, einem kleinen Dorf im Westen von Kamerun.
Hier wächst er in Armut auf, seine Eltern lassen sich scheiden, als er 6 Jahre alt ist. Mit 10 Jahren fängt er an zu arbeiten in den Sandmienen von Batié, er muss seine Familie unterstützen. Jeden Tag schaufelt er in den Mienen. Für Bildung ist kein Geld da. Er schlägt sich durch, mehr schlecht als recht und betritt mit 22 Jahren das erste Mal einen Boxklub.
Francis hat einen Traum, er will Boxer werden, will sein Leben zum Besseren ändern. Doch Menschen, mit denen er darüber redet, lachen ihn aus, auch seine Familie. Niemand glaubt daran, weil es niemanden gibt, der es vor ihm geschafft hat. Es gibt keinen Hoffnungsträger.
Doch er weiß, dass er gehen muss, nach Europa. In einem Interview von 2018 sagt er über diese Zeit:
„Ich habe in dieser Zeit oft meine Mutter angeschaut und gedacht, vielleicht ist es das letzte Mal, dass ich sie sehe, aber ich muss gehen, ich muss es versuchen, egal, wie gefährlich es ist. Ich wollte einfach nur irgendwo hin, wo ich Gelegenheiten bekomme.“
Und so geht er mit 26 Jahren nach Marokko, er sagt niemandem Bescheid. In Marokko lebt er obdachlos in ärmlichsten Verhältnissen, er wartet ein Jahr auf die Gelegenheit zur Überfahrt. Sie gelingt. Er kommt in Spanien an, schafft es nach Paris und landet dort in der Obdachlosigkeit - schon wieder.
Doch er ist glücklich, es gibt mehr Essen als in Afrika, Plätze zum Duschen und vor allem eine Gelegenheit. Er findet über Bekannte ein Gym, die MMA Factory. Der Besitzer und Head Coach Fernand Lopez nimmt ihn auf, lässt ihn umsonst trainieren und er kann im Gym schlafen. Zu diesem Zeitpunkt ist Francis 27 Jahre alt und weiß nicht einmal, was die UFC ist. Er will Boxer werden. Doch Fernand Lopez erkennt sein Potenzial und überredet ihn, MMA zu trainieren und zu kämpfen. Kurz danach gewinnt er seinen ersten MMA Kampf, verliert seinen zweiten und gewinnt dann die nächsten vier, in kleineren regionalen Verbänden in Frankreich.
Dann klingelt das Telefon von Fernand Lopez, die UFC will Francis. Und dieser nimmt die Gelegenheit wahr, es kommt zu seinem ersten Run auf den Titel, der gegen Stipe Miocic am 20. Januar 2018 ein jähes Ende nimmt.
Der zweite Run auf den Titel beginnt nach seiner Rückkehr aus Batié. Er ist steinig und dauert lang, da der Champion Stipe Miocic mit drei harten Kämpfen und einer Augenverletzung beschäftigt ist.
Also bleibt er aktiv, kämpft und kämpft, gewinnt vier Kämpfe in Folge, gegen Legenden und zuletzt gegen den unbesiegten Hoffnungsträger Jairzinho Rozenstruik in spektakulärer Art und Weise in nur 20 Sekunden. Rozenstruik bleibt länger bewusstlos auf dem Boden, als der Kampf gedauert hat. Francis scheint stärker und beängstigender als je zuvor.
Und dann kommt sie, die 2. Chance. Ein wenig mehr als drei Jahre nach seiner Esten Titel Niederlage, kämpft er wieder für den Titel am 27. März 2021. Der Gegner ist derselbe, Stipe Miocic.
Die Stimmung auf der Pressekonferenz vor dem Titelkampf am 27. März könnte jedoch nicht anders sein, verglichen mit der Pressekonferenz vor Francis erstem Titelkampf 2018. Es ist Corona, es sind nur Journalisten anwesend und auch der Kampf wird ohne Fans stattfinden. Das Narrativ? Dieses Mal gibt es kein klares. Niemand will denselben Fehler zweimal machen und Francis Ngannou zum Favoriten erklären.
UFC Präsident Dana White lobt dieses Mal seinen Champion Stipe Miocic, der endgültig GOAT- Status erreicht hat: „Du hältst den Rekord für die meisten Titelverteidigungen, die meisten Kampf Boni und die meisten gelandeten Schläge in der Heavyweight Division“. Stipe zuckt nur mit den Achseln. Ein Kampf ist ein Kampf.
Doch Francis ist besser geworden, er hat ein neues Gym gefunden, ist vollständig von Paris nach Las Vegas gezogen. Er hat seine beängstigende Power behalten, ist aber geduldiger geworden und das sieht man in seinem zweiten Kampf gegen Stipe Miocic deutlich. Er stürmt nicht wild auf ihn zu, bleibt ruhig und knockt ihn in Runde 2 aus. Er ist Weltmeister.
Einen Monat nach dem Kampf fliegt er wieder in seine Heimat, nach Batié, er bringt den Weltmeister Gürtel zurück in sein Dorf. Die Menschen jubeln ihm zu, es gibt jetzt einen Hoffnungsträger.